Die Geschichte des SPD-Ortsvereins Worms-Mitte

Ein Blick in die Vergangenheit - Eine Ausarbeitung von Rupert Müller

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Wormser Rotaachverleihung
Wormser Stolpersteinkarte
Die Geschichte des Ortsvereins

„Gewidmet einer Solidargemeinschaft, die es verstanden hat, alt und jung, Frau und Mann, ganz gleich jeglicher Hautfarbe, Religion oder Sexualität zu einer Einheit zusammen zu fügen und für die Bürgerinnen und Bürger konsequent und nachhaltig einzutreten.“

2013 feierte die SPD ihren 150. Geburtstag, und bereits 2009 beging die Wormser SPD ihr 140-jähriges Jubiläum. Bei all diesen runden Zahlen tauchte die Frage auf: wann und wie ist eigentlich unser SPD-Ortsverein Worms-Mitte entstanden?

 

Die Geschichte der SPD begann 1863 in Leipzig, wo der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“ (ADAV) gegründet wurde, als dessen Präsident Ferdinand Lasalle gewählt wurde. 1869 wurde in Eisenach auf Initiative von August Bebel und Wilhelm Liebknecht die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“ (SDAP) gegründet und beide Organisationen im Jahre 1875 in Gotha zur „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ (SAP) vereinigt. 1890 erfolgte auf dem Parteitag in Halle die Umbenennung in „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD).

Vergessen sind die Rivalitäten zwischen den „Lassaleanern“ und den „Eisenachern“ ebenso  wie das unrühmliche „Gesetz wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, das von 1878 bis 1890 galt. Unvergessen aber sind außer den Obengenannten auch Persönlichkeiten wie Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und auch Otto Wels, dessen mutige Reichstagsrede gegen die Ermächtigungsgesetze ihren Platz in der Geschichte der SPD behalten wird und jeden Sozialdemokraten auch heute noch mit Stolz erfüllen darf: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!“
Nach den tragischen Wirrungen des „Tausendjährigen Reiches“ – die SPD war erneut verboten worden – haben dann Persönlichkeiten wie insbesondere der erste Nachkriegs-Vorsitzende Kurt Schumacher, der Friedens-Nobelpreisträger Willy Brandt sowie der große Staatsmann Helmut Schmidt neue und bleibende Maßstäbe gesetzt.

Um die Aufarbeitung der Geschichte der Wormser SPD haben sich Lucie und Ludwig Kölsch  mit dem von ihnen erstellten Beitrag zum 110jährigen Bestehen der Wormser SPD im Jahre 1979 verdient gemacht.

Nach diesen Aufzeichnungen hat schon in den Jahren 1866 bis 1869 der Zigarrenmacher Georg Jäger erste Versuche unternommen, in Worms eine sozialistische Vereinigung zu gründen. Im November 1868 kamen im Gasthaus „Zum Schwanen“ in der Kämmererstraße rund 200 Personen zusammen, die von Beauftragten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu einer Versammlung einberufen wurden. Auf dem Kongress 1869 in Eisenach hat der Heidelberger August Rüdt laut Protokoll „445 Wormser Stimmen“ vertreten. Das ist der erste gesicherte Nachweis für das Bestehen der Wormser SPD.

Ein Georg Jäger jun. war es auch, der ab dem Jahr 1907 neben Johann Engelmann und Viktor Helze die SPD als Minderheit in der Stadtverordnetenversammlung vertrat. Sie wurden dort nach alten Berichten „mit maßloser Arroganz“ behandelt.

Während des Ersten Weltkrieges kam Albert Schulte nach Worms und wurde 1920 für zwölf Jahre zum Ersten Bürgermeister gewählt. Ludwig Bardorf  übernahm den Parteivorsitz bis 1933 und nach 1945 bis 1956.

Im Mai 1945 wurde der Sozialdemokrat Dr. Kilb zum Leiter der Stadtverwaltung berufen, starb aber schon 1946. Sein Nachfolger wurde der parteilose Geheimrat Prof. Dr. Eckert, und Heinrich Völker wurde zunächst Zweiter Bürgermeister und 1948 zum Oberbürgermeister gewählt.

Die weiteren Parteivorsitzenden des Ortsvereins Worms waren jeweils für kurze Zeit der Stadtkämmerer Johann Saxer, der Beigeordnete Willi Hirschbiel sowie Otto Blömer. Danach folgten von 1961 bis 1967 der Leiter des städtischen Sozialamtes, Friedel Kerner, 1968 Dr. Wilhelm und anschließend Prof. Dr. Jochen Iwand.

Protokoll der Gründungsversammlung

Anwesenheitsliste der Gründungsversammlung

Bei der eingangs gestellten Frage nach der Entstehung des SPD-Ortsvereins Worms-Mitte machen wir einen Sprung in die 1970er Jahre:
Die Verwaltungsreform hatte für die Wormser SPD einschneidende Auswirkungen. Die Stadt Pfeddersheim war mit einem starken Ortsverein hinzugekommen, dazu die Gemeinden Abenheim, Ibersheim, Heppenheim, Rheindürkheim und Wiesoppenheim. Das Büro des Unterbezirks wurde 1972 von Alzey nach Worms verlegt, zunächst in die Siegfriedstraße 22 und 1980 in die Bebelstraße 55a, etwas respektlos aber liebevoll „die Baracke“ genannt.

Unter der Federführung des damaligen SPD-Geschäftsführers Karl Kronauer entstanden Ende des Jahres 1976 Überlegungen, den großen Ortsverein Worms in Stadtbezirke zu untergliedern, so auch einen „Stadtbezirk Worms-Mitte“.

Die Gründungsversammlung fand am 24. Januar 1977 im Gasthaus „Fischereck“ in der Rheinstraße 44 statt. Nach dem Sitzungsprotokoll waren neben 16 SPD-Mitgliedern und dem Geschäftsführer Karl Kronauer als Versammlungsleiter auch der OV-Vorsitzende Florian Gerster anwesend. Schon zu diesem Zeitpunkt wurde über die neu zu gründenden Stadtbezirke als Vorstufe zu selbständigen Ortsvereinen gesprochen.

Dieter Dörsam

Zum ersten Vorsitzenden des Stadtbezirks Worms-Mitte wurde einstimmig Dieter Dörsam gewählt. In seiner Antrittsrede nannte er als anzugehende Probleme insbesondere die damals mangelnde Verkehrssicherheit am Römischen Kaiser, den hohen Ausländeranteil, die geringe Mitgliederzahl und die unbefriedigende Wahlbeteiligung.

In seiner Ausdehnung entsprach dieser Stadtbezirk Worms-Mitte dem heutigen Ortsverein Worms-Mitte: Von der Bahnlinie im Westen bis zum Rhein im Osten und vom Berliner Ring und der Siegfriedstraße im Norden bis zur Schönauer und der Kyffhäuserstraße im Süden. Betrachtet man historische Stadtpläne, so kann man feststellen, dass dieses Gebiet im wesentlichen den Bereich des mittelalterlichen Worms umfasst.

 

Von Anfang an befasste sich die SPD Worms-Mitte mit aktuellen Themen. So wurde bereits zu der Sitzung im Mai 1977 zum Thema „Altstadtsanierung“ als Referent Ernst-Günther Willig vom Stadtplanungsamt eingeladen.

Bei der Sitzung im Juni 1977, die gemeinsam mit den Stadtbezirken Süd und Nord stattfand,  hat sich OB-Kandidat Gernot Fischer mit einem Referat zum Thema „Kommunale Selbstverwaltung“ vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit wurde darauf hingewiesen, dass inzwischen alle geplanten SPD-Stadtbezirke gegründet werden konnten.

Im Februar 1978 wurde Dieter Dörsam als Vorsitzender bestätigt und konnte berichten, dass sich die Mitgliederzahl von ursprünglich 142 auf jetzt 157 erhöht hat.

Als eine der ersten öffentlichen Aktivitäten fand im Juni 1978 ein Altstadtfest auf dem Synagogenplatz statt  Dieses Fest scheint recht erfolgreich gewesen zu sein, denn es wurde bis mindestens Ende der 1980er Jahre jährlich durchgeführt.

Im April 1979 erfolgte dann die von Anfang an geplante Umbenennung des Stadtbezirks Worms-Mitte zum SPD-Ortsverein Worms-Mitte.

Bereits im Mai 1983 befasste sich der SPD Ortsverein Worms-Mitte – Vorsitzender war nach Monika Baas inzwischen Ronny Waclawek – mit dem „grünen“ Thema „Umweltschutz in Worms“. Referent war ein damals 28jähriger junger Kollege der Stadtverwaltung Worms, sein Name: Michael Kissel.

Bei der Generalversammlung im Juni 1990 wurde Almut Wilhelm zur Vorsitzenden gewählt. Das Protokoll über diese Wahl verzeichnet erstmals auch Namen, die beim SPD-Ortsverein Worms-Mitte noch heute eine Rolle spielen, nämlich Klaus Busch als Stellvertretender Vorsitzender (heute Kassierer), Hiltrud Hartenbach als Schriftführerin (danach viele Jahre Beisitzerin) und Hans Cziumplik als Beisitzer (später Stellvertretender Vorsitzender und heute wieder Beisitzer).

Über die folgenden 1990er Jahre sind leider keine schriftlichen Unterlagen mehr vorhanden, aber man erinnert sich an die Vorsitzenden Gottfried Doppler und Frank Schlereth, bis im Jahre 1998 Uwe Gros den Vorsitz übernahm und den SPD-Ortsverein Worms-Mitte in das neue Jahrtausend führte.

Uwe Gros war es auch, der im Jahre 2001 die Verleihung des „Wormser Rotaach“ kreierte (für Nicht-Wormser: es handelt sich um den im Rhein verbreiteten Fisch „Rotauge“!), der seitdem von der Wormser Künstlerin Jutta Stieglitz jeweils als Keramik-Unikat gestaltet und an Persönlichkeiten bzw. Organisationen verliehen wird, die sich um die Innenstadt verdient gemacht haben. Erster Preisträger war der leider inzwischen verstorbene „Bahnhofspate“ Werner Dinger.

Verleihung des Wormser Rotaach an Helga Marschang und die Fischerwääder

Eine weitere Einrichtung der Öffentlichkeitsarbeit waren neben regelmäßigen Begehungen die „Altstadtgespräche“, so z.B. im Jahre 2002 zu den Themen „Der Brückenbau und seine Folgen“ sowie „Umgestaltung des Bahnhofs“.

Zu dieser Zeit wurde auch das „Marktfrühstück“ auf dem Obermarkt ins Leben gerufen, das seitdem zu einer festen Einrichtung geworden ist. Das gleiche gilt für den jährlichen Empfang mit Ehrung der Jubilare und der erwähnten Verleihung des „Wormser Rotaach“.

Im November 2002 stellte sich der designierte Oberbürgermeister-Kandidat Michael Kissel, damals Bürgermeister der Verbandsgemeinde Monsheim, auch beim SPD-Ortsverein Worms-Mitte vor und erläuterte ausführlich seine kommunalpolitischen Vorstellungen.

2005 übernahm nochmals Frank Schlereth für kurze Zeit den Vorsitz, nachdem Uwe Gros wegen seiner gestiegenen Aufgaben in der SPD-Fraktion nicht mehr kandidierte. Darauf folgte im Mai 2006 Dorothè Mainz, bis im März 2010 Andreas Gölz zum Vorsitzenden gewählt wurde.

Inzwischen war die Mitgliederzahl durch Überalterung und natürliche Abgänge trotz einiger Neuzugänge auf einen Tiefstand von 72 abgesunken. Eine öffentlichkeitsbetonte Parteiarbeit unter einem rührigen Vorsitzenden und einer aktiv mitwirkenden Vorstandschaft führte dazu, dass sich diese Mitgliederzahl bis 2014 auf 176 erhöhte, wobei es sich bei den Zugängen überwiegend um junge Mitglieder handelt. Mit der beachtlichen Zahl von 125 Neumitgliedern seit 2010 steht der Ortsverein Worms Mitte am ersten Platz in ganz Rheinland-Pfalz in der Neumitgliedergewinnung.

Im Jahr 2011 haben die Mitglieder bei der Generalversammlung Klaus Hagemann, von 1994 bis 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages, als Dank für sein langjähriges Engagement im Ortsverein, als Ehrenmitglied bestätigt.

Im Oktober 2014 wurde ein neuer Vorstand gewählt. Neben vielen wiedergewählten Vorstandsmitgliedern stehen nun erstmalig drei Frauen dem Ortsverein vor. Simone Korte-Bernhardt wurde zur Vorsitzenden bestimmt und wird von den beiden Stellvertreterinnen Elena Frey und Melinda Soller, wie auch von den weiteren Vorstandsmitgliedern und aktiven Genossinnen und Genossen tatkräftig unterstützt. Andreas Gölz, der nicht mehr als Vorsitzender kandidierte, wurde bei dieser Sitzung einstimmig als Ehrenvorsitzender gewählt.

Nach der erfolgreich abgeschlossenen Landtagswahl 2016 wurde Andreas Sackreuther zum neuen Ortsvereinsvorsitzenden gewählt.

Die Entwicklung der letzten Jahre lässt hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, so dass der SPD-Ortsverein Worms-Mitte mit Tatkraft und Elan nun auch einem Jubiläum entgegensehen kann, nämlich seinem 40jährigen Bestehen im Januar 2017.


"Wie es dazu kam"
von Rupert Müller, Beisitzer und Mitgliederbeauftragter des SPD-Ortsvereins Worms-Mitte

Eine historische Dokumentation zu verfassen, war einerseits schwieriger, als ich es mir vorgestellt habe, hat aber andererseits eine Menge Spaß gemacht, insbesondere, wenn man dem Gegenstand der Beschreibung seit Jahrzehnten persönlich sehr nahe steht.

Zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie gibt es umfangreiches Material, so z.B. den „Vorwärts extra“ zum 150jährigen Jubiläum. Hier ging es nun darum, den wesentlichen Inhalt auf kurzem Raum übersichtlich und verständlich zusammenzufassen.

Hinsichtlich der Geschichte der Wormser SPD habe ich vor allem Karl Kronauer zu danken. Er hat nicht nur, zusammen mit Klaus Busch und Wolfgang Grün, das Archiv der SPD-Geschäftsstelle nach Fotos durchstöbert, sondern mir auch in zahlreichen Gesprächen wertvolle Tipps gegeben. Insbesondere hat er mir freundlicherweise einen Text aus dem Jahre 1979 zugänglich gemacht: „Aus der Geschichte der Wormser SPD, 110 Jahre – von den Arbeitervereinen bis zur soliden Mehrheit“ von Lucie und Ludwig Kölsch.

Es gab übrigens keine Feiern zum 100. Jubiläum der Wormser SPD, und zwar einfach deswegen, weil sich vorher niemand die Mühe gemacht hat, deren Geschichte zu dokumentieren. Das soll künftig mit unserem SPD-Ortsverein Worms-Mitte nicht geschehen, denn jetzt steht sein „Geburtstag“ fest: der 24. Januar 1977.

Die vorhandenen schriftlichen Unterlagen beginnen im Dezember 1976 mit einer Einladung des SPD-Unterbezirkssekretariats zu einem Vorgespräch wegen der geplanten Bildung von Stadtbezirken und enden im April 1990 mit der Ankündigung eines Bürgergesprächs mit MdL Ernst-Günter Brinkmann, damals Stellvertretender Fraktionsvorsitzender, und Bernd Rauh, Leiter des Straßenverkehrsamtes, zum Thema „Stadtentwicklung und Probleme in der Altstadt und Römer-, Torturm-, Hagenstraße; hier insbesondere Parkplatzprobleme“ in der Gaststätte „Zum lahmen Enterich“ auf der Fischerweide.

Die Akten zu den restlichen 1990er Jahren sind, wie mir berichtet wurde, im Keller der Geschäftsstelle bei einer Überflutung „abgesoffen“. Hier war ich auf die persönlichen Berichte und Erinnerungen älterer Genossen angewiesen. Ich danke allen, die mir in zahlreichen Gesprächen weitergeholfen haben.

Die Zeit von der Jahrtausendwende bis heute ist naheliegenderweise lückenlos dokumentiert. Auch wenn es sich hierbei für die meisten Leser nicht um Geschichte, sondern um Gegenwart handelt, ist diese Zeit in der nachfolgenden „Geschichte der SPD Worms-Mitte“ für die Zukunft festgehalten.